2.
Die Stärke eines geschichtlichen Wesens erkennt man
an der Intensität seines Scheinens in der Nachwelt.
Die Denunziationskampagne gegen 68er in der BRD-Regierung
ist ein mehrfach reflektierter Schein, der, weil im
Schein das Wesen erscheint, die Richtigen trifft, nämlich
die Verräter der 68er Idee, die theorielosen Sponti-Häuptlinge
und die kommunistischen Dogmatiker der 70er Jahre. Die
70er Jahre waren das Jahrzehnt der sozialdemokratisch-kommunistischen
Konterrevolution; diese wurde ihrerseits von der kapitalistischen
Reaktion der 80er Jahre beerbt.
3.
Seinem geschichtlichen Wesen nach war das deutsche '68
- nach dem 17. Juni 1953 - der zweite Aufstand gegen
eine Besatzungsmacht. Die Besatzungsmächte haben nach
dem völkerrechtswidrigen Grundsatz cuius regio eius
oeconomia ihren jeweiligen Besatzungszonen ihre
obsoleten Wirtschafts-, Politik- und Gesinnungssysteme
aufgezwungen. Der 68er Studentenaufstand in West-Berlin
und West-Deutschland wurde von mitteldeutschen Studenten
mit Hilfe westzonaler akademischer Mitläuferjugend (die
ihren Vätern häufig das Mitläufertum im Dritten Reich
wie in der Adenauer-BRD vorwarf) gegen Amerika und den
Kapitalismus geführt.
4.
Klaus Mehnert zufolge war '68 die erste Weltrevolution
in der Geschichte. Sie wurde von der Jugend der Industrieländer
gegen die kapitalistische Geldherrschaft, gegen ihre
amerikanisch-israelische Hochburg und für das Reich
der Freiheit unternommen. Sie war eine erfolgreiche
Wortergreifung, deren Wort künftig zuerst von dem Deutschen
Volke und danach von den anderen Völkern der Welt verstanden
werden muß; ansonsten sind sie unfähig, zur Machtergreifung
und endlich zur Besitzergreifung ihrer Länder fortzuschreiten.
Werden sie aber zur Machtergreifung fähig, dann wird
mit dem Vierten Deutschen Reich in den großen Völkern
der Welt das Vierte Zeitalter der Macht eröffnet, worin
der Geist herrscht und das Geld, das im Dritten Zeitalter
der Macht die Welt regierte, gebrochen ist. Mit der
68er Weltrevolution begann insofern das Reich der Freiheit,
als es die siegreiche Wortergreifung war, die zur künftigen
Macht- und Besitzergreifung des Geistes als des Vierten
Zeitalters der Macht führen wird. Aber der Sinn muß
erst noch recht erfaßt, die vernommenen Worte müssen
richtig begriffen werden.
5.
Der seit Jahrzehnten anhaltende und gegenwärtig wieder
hell entflammte Kampf um den Sinn von '68 ist ein Kampf
um das Andauern des kapitalistischen Wirtschaftssystems
und des Parlamentarismus als politischer Form, in der
das Geld die Welt regiert. Die ideologischen Verteidiger
der Geldherrschaft suchen den Sinn von '68 nach Kräften
zu verdunkeln und den 68er Revolutionären die Konterrevolution
der 70er Jahre sowie die Amerikanismen der westzonalen
Mitläuferjugend als Inhalt zu unterschieben. Am Erfolg
dieser intensiven Vernebelungspropaganda über '68 hängt
die ideologische Sicherung der kapitalistischen Geldherrschaft.
Zerreißt der Nebelvorhang, dann wird die 68er Wortergreifung
wieder virulent, und den entwickelten Völkern der Welt
steht die unmittelbare Aufgabe, den Kapitalismus und
also die Geldherrschaft zu brechen, wieder klar vor
Augen. Für die Hintergrundmächte, die mit der Lenkung
der Kapitalströme die Geschicke der Welt steuern, wird
es dann eng und gefährlich. Denn wenn nach der nächsten
Weltkrise der Marktwirtschaft der Vorrang der Eigenwirtschaften
der Völker wiederhergestellt ist, wird der Markt insgesamt
und also auch der Kapitalmarkt in die ihm zustehende
Randständigkeit zurückgestellt sein.
6.
Das wahre, das weltrevolutionäre '68 beginnt im April
1965 mit Rudi Dutschkes Festlegung des Fixpunktes der
Strategie. Als dieser Fixpunkt, der Ausgangspunkt der
Strategie zu sein hat, war das Endziel des technologischen
Prozesses bestimmt, das damals schon deutlich erkennbar
war und heute offensichtlich ist: die "tendenziell völlige
Arbeitslosigkeit" (R. Dutschke, Geschichte ist machbar,
ed. Miermeister, Berlin 1980, S.32) bei gleichzeitiger
arbeitsloser Produktion. Damit war das Verschwinden
der Arbeiterklasse vorausgesetzt. In entwickelten Völkern
konnte nun nicht mehr den Industriearbeitern die Revolution
aufgebürdet werden. Die revolutionären Aufgaben hatten
jene zu übernehmen, die sich das zutrauten.
7.
Zum ersten Mal in der Weltgeschichte ist in einer solchen
Lage die herrschende Klasse nicht mehr bestimmt als
jene, die von den Massen ernährt wird, sondern umgekehrt
müssen die Herrschenden die Beherrschten ernähren. Die
Herrschaft hat jetzt einen anderen Inhalt. Die Unterdrückung
bezweckt nicht mehr die Privation des Mehrwerts. Das
geistige Leben selbst wird im Meer der Blödsinnigkeiten
ertränkt. Das Um-zu geht nur noch auf den abstrakten
Machterhalt. Abstrakte Macht aber ist die Selbstabschaffung
der abstrakt gewordenen Herrschaft, die alle inhaltliche
Notwendigkeit verloren hat. Das Verhältnis von Herrschenden
und Beherrschten hat sich dialektisch verkehrt, und
in diesem Sinne wurde von 68er Theoretikern auch immer
vom Ende der Herrschaft des Menschen über den (anderen)
Menschen gesprochen, von Selbstbestimmung und auch von
Demokratie qua Selbstbeherrschung der Völker ganz ebenso
wie jedes einzelnen Menschen. Ein selbstbestimmtes Leben
in unserem je eigenen, selbstbeherrschten Volk war,
ist und wird sein das Ideal aller, die sich der 68er
Idee verpflichtet fühlen.
8.
Diese dutschkistische Strategie war damals kühnste konkrete
Utopie, die heute von vielen hellen Köpfen verstanden
wird. Durch die technisch-industriellen und naturwissenschaftlichen
Revolutionen der vergangenen Jahrzehnte ist der Dutschkismus
noch leichter nachvollziehbar geworden. Er wird alle
Programme und Strategien des 21. Jahrhunderts bestimmen.
In allen diesen Strategien wird die rationelle Organisation
des Reiches der Notwendigkeit und also die materielle
Versorgung eines jeden Volkes nur die Vorübung sein,
die Gestaltung des Reiches der Freiheit aber die Hauptaufgabe.
9.
Der Internationale Vietnamkongreß, den der SDS im Februar
1968 in der Technischen Universität in West-Berlin veranstaltete,
war die weltgeschichtlich erste Internationale der Nationalrevolutionäre.
Wir solidarisierten uns mit der vietnamesischen Revolution,
dem vietnamesischen Wiedervereinigungskrieg, also mit
einer nationalen Revolution, nicht aber mit konservativistischen,
liberalistischen, sozialistischen oder sonstigen Revolutionen
einer Klasse. Als kategorischer Imperativ folgte richtigerweise:
"Es ist die Pflicht eines Revolutionärs, die Revolution
zu machen!" Die deutschen Revolutionäre waren wir selber,
und die kommunistischen Kommilitonen ernteten Hohngelächter,
wenn sie uns auf die Arbeiter oder gar auf Gewerkschaftsarbeit
verwiesen.
10.
Gegen diesen nationalrevolutionären Grundsatz von '68
erhob sich in den 70er Jahren die sozialdemokratisch-kommunistische
Konterrevolution. In ewig gestriger Manier stilisierte
sie erneut die Arbeiterklasse zum Subjekt der Geschichte
in ihrer Doppelung von Reform und Revolution. Sie wurden
von den weiter blickenden Kräften der Konservativen
und Liberalen darin bestärkt. Diese witterten in der
Neubelebung des Klassenkampfschemas die Chance für eine
Revitalisierung ihrer Klassenherrschaft, die in den
80er Jahren auch tatsächlich eintrat.
11.
Die Konterrevolution der 70er Jahre produzierte die
Sponti-Szene als Trümmer-Bewegung der Verlierer, das
Sammelsurium jener westzonalen Mitläufer der 68er, die
den Rücksprung aus dem revolutionären Aufbruch in die
BRD-Normalität nicht geschafft hatten. Untergründig
erhielt sich die nationalrevolutionäre Linie der originären
68er, die in Nachfolgeorganisationen des SDS weiter
verfolgt wurde. Der Waffen-SDS (RAF) nahm den bewaffneten
Kampf auf und traf, bei allen taktischen Fehleinschätzungen
und Rechtsirrtümern, auch legitime Ziele eines jeden
nationalen Befreiungskampfes. Dieser manifestierte sich
in Anschlägen auf Militärs der Besatzungsmacht, in Attentaten
auf deutsche Kollaborateure und in der Ermordung einer
Person, die die nationalrevolutionäre deutsche Volksgemeinschaft
an das Interesse einer Klasse verraten hatte.
12.
Ein weiterer Exponent der nationalrevolutionären Linie
in den 70er Jahren war der Theorie-SDS, der das 68er
Theorieprogramm weiterverfolgte und Mitte der 80er Jahre
zum Abschluß brachte. Durch ein (noch von Dutschke vorbereitetes)
Bündnis mit der nationalen Rechten ab 1985 wurde diese
zunehmend vom Antikapitalismus und Antiamerikanismus
der originären 68er beeinflußt. Das antikapitalistische
Moment verstärkte sich seit 1990 dank des Zulaufs mitteldeutscher
Jugend, die sich in den Volksaufständen von Hoyerswerda
und Rostock-Lichtenhagen gegen die fremdrassischen zivilen
Ersatzbesatzer eindrucksvoll zur Wehr setzte. In der
ersten Hälfte der 90er Jahre brachte der Theorie-SDS
in die erwachende deutsche Nationalbewegung ein Programm
und eine Strategie ein, die auf der vollendeten 68er
Theorie gründete. Der Theorie-SDS rekonstituierte sich
1995 als Deutsches Kolleg, als Schulungseinrichtung
der nationalen Befreiungsbewegung der Deutschen, in
der im Jahre 2000 Theorie und Terror, die Waffe der
Theorie und die Theorie der Waffe, fusionierten. Allein
die 68er Idee enthält sowohl in ihrer negativen Voraussetzung,
dem nationalen Befreiungskampf gegen die Besatzungsmacht
der Geldherrschaft, als auch in ihrer positiven Perspektive,
der Organisation des Reiches der Freiheit, eine traditionsreiche,
gegenwartssatte und zukunftsträchtige Handlungsanweisung
für das Deutsche Volk und alle seine Völkergenossen.
13.
Jeder Nationalismus beginnt an den vielen Grenzen der
eigenen Nation bei den anderen Nationen und somit als
Internationalismus. Ebenso entsteht im Wirtschaftsleben
der Markt an den Grenzen der Gemeinschaften, er fängt
als Weltmarkt an und hat den immer tiefer ins Innere
eindringenden Binnenmarkt, der schließlich zu seiner
Ordnung die ausdifferenzierte Binnenzollmacht erfordert,
zum Endresultat. Der Nationalismus ist die Wahrheit
des Internationalismus. Das Maß ist die Idee des Wesens.
14.
Der älteste und verwerflichste Verräter an der 68er
Idee unter den derzeitigen Mitgliedern der BRD-Regierung
ist Otto Schily. Er betreibt das NPD-Verbot gerade deswegen,
weil diese Partei, die 1968 noch stramm hinter der amerikanischen
Besatzungsmacht und dem kapitalistischen Ausbeutungssystem
stand, am entschiedensten auf anti-kapitalistischen
und anti-amerikanischen Kurs gegangen ist. Dieser neue
Kurs der NPD wird von der deutschen Jugend, insonderheit
von der mitteldeutschen, getragen. Gegen diese Jugend
hat Schily jetzt durch den Einsatz von BGS-Sondertruppen
die "Kriegserklärung an den eigenen Nachwuchs" (Die
Welt, 20.2.2001, S.10) ausgesprochen. Der Dutschkismus
lebt heute in dieser Jugend fort, deren Gefühle sich
aufbäumen gegen ein System, das im April 1968 noch einen
Jungarbeiter aus Sachsen-Anhalt dazu gebracht hatte,
Rudi Dutschke niederzu-schießen.
15.
Jeder seelisch gesunde Mensch fühlt vor dem Kapitalismus,
der Herrschaft des Geldes, einen existentiellen Ekel.
Dieser Ekel ist unüberwindbar. An ihm wie an dem Wunsch
nach dem Heil wird der Kapitalismus scheitern. Wahrscheinlich
noch schmählicher als der Kommunismus.