Horst
Mahler
Einige
Fragen und Anmerkungen zu Christian Worch's Geschichtsbild.
Bisher
ging ich davon aus, daß das Deutsche Reich infolge
der militärischen Niederlage 1945 von den feindlichen
Truppen besetzt worden und durch die Verhaftung der
Reichsregierung handlungsunfähig geworden ist.
Ich
ging auch davon aus, daß nach dem Willen der Hauptsiegermächte
das Reich als handlungsfähiges Völkerrechtssubjekt
nicht wieder hergestellt werden sollte.
In
Jalta konnten sich die Siegermächte nicht endgültig
über die Einzelheiten der Nachkriegsordnung und über
das weitere Schicksal des Deutschen Volkes als solchen
einigen.
Worch
scheint der These des Deutschen Kollegs, daß die Zerteilungsgebiete
des Deutschen Reiches - Annektionsgebiete, Vertreibungsgebiete,
Teilungsregime - Völkerrechtsverbrechen der Siegermächte
seien, zuzustimmen.
Er
ist jedoch offensichtlich der Meinung, daß das Teilungsregime
"DDR" schon 1953 zu einem souveränen Völkerrechtssubjekt
aufgestiegen war. Meint er doch allen ernstes, das
SED-Regime habe aus freien Stücken russische Panzer
und Soldaten angefordert, um die Aufständischen niederzukartätschen.
Deshalb soll das "SED-Regime" "Anstifter und Haupttäter
der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstandes" gewesen
sein.
Wie
kann man sich das erklären? War die Sowjetunion 1953
nicht mehr an der Bewahrung und an der Ausdehnung
ihres Imperiums interessiert? Hatte sie sich aus dem
Willen, einen Teil Deutschlands zu besetzen, bereits
zurückgezogen? Hat sie ihren Satelliten nur "brüderliche"
Hilfe geleistet - 1953 der "DDR", 1956 der "Volksrepublik
Ungarn", 1968 der "CSSR", 1981 der "Volksrepublik
Polen"?
Ich
war der Meinung, daß die SED 1946 aus der Zwangsvereinigung
von KPD und SPD hervorgegangen sei. Der Zwang - so
stellte ich mir das vor - ging dabei von der Sowjetunion
aus, die es vorteilhafter fand, ihren Beuteanteil
am Deutschen Reich von deutschen Hilfswilligen verwalten
zu lassen, die sie unter den im Moskauer Exil lebenden
Mitgliedern der KPD rekrutiert hatte (Die Gruppe Ulbricht).
Nie
und nimmer wäre ich auf den Gedanken gekommen, den
Hilfswilligen einen größeren Teil der Verantwortung
für die blutige Unterdrückung zuzumessen, als dem
eigentlichen Machthaber, der sich ihrer für seine
Zwecke bediente.
Wenn
es zutrifft, daß Ulbricht "um russische Panzer und
Soldaten" gebeten hat, war das dann nicht Teil einer
Inszenierung, um den russischen Militäreinsatz gerechtfertigt
erscheinen zu lassen?
Zur
Zeit des Volksaufstandes in Mitteldeutschland tobte
zwischen den Machtblöcken ein Propagandakrieg und
jede Seite war bemüht, sich den Heiligenschein eines
Menschheitsretters zu verleihen. Da hätte eine einseitige
und selbstherrliche militärische Expedition gegen
die Mitteldeutschen schlecht ins Bild gepaßt. Und
wozu hat eine Weltmacht ihre Hilfswilligen?
Mir
sind die Junitage des Jahres 1953 - die ich auf den
Straßen von Berlin erlebte - noch in lebhafter Erinnerung.
Damals war ich von den Fußsohlen bis in die Haarspitzen
erregt von dem Wunsche, "die Amerikaner" mögen den
Deutschen in Mitteldeutschland zu Hilfe eilen und
Deutschland von der Sowjetmacht befreien. Heute bin
ich froh darüber, daß das nicht geschehen ist. Die
Mitteldeutschen sind durch die sowjetische Besatzung
vom "American way of life" weitgehend abgeschirmt
worden und daher noch nicht so tief in der Volkssubstanz
geschädigt wie die Westdeutschen. Dieser Umstand ist
von enormer Bedeutung für die künftige Entfaltung
des Nationalen Widerstandes.
Christian
Worch vertritt auch die interessante Auffassung, daß
das SED-Regime. "ohne von der östlichen Besatzungsmacht
dazu in irgend einer Weise gezwungen (worden) zu sein,
die Mauer gebaut und den Schießbefehl erteilt" habe.
Sind
seine Geschichtskenntnisse wirklich so dürftig - oder
spielt er nur mit uns?
Der
Mauerbau fällt in die Zeit der schwersten Krise im
Verhältnis der beiden Supermächte. Beide Seiten gingen
ernsthaft von einer akuten Kriegsgefahr aus.
Der
anschwellende Flüchtlingsstrom über die "offene Grenze"
in Berlin führte zu einer fortschreitenden Destabilisierung
der DDR. Diese war der sensibelste Bereich des Sowjetimperiums.
Dessen Führer waren damals noch entschlossen, ihr
Reich - notfalls mit militärischen Mitteln - aufrechtzuerhalten.
Das hat Chruschtschow dem von Präsident Kennedy entsandten
Sonderbotschafter McCloy während zweiseitiger Gespräche
am 26. und 27. Juli 1961 in Sotschi klargemacht. Hier
die Einschätzung Kennedy's nach diesen Gesprächen:
"Ostdeutschland entgleitet Chruschtschow. Das kann
er nicht zulassen. Wenn Ostdeutschland verlorengeht,
ist auch Polen und ganz Osteuropa verloren. Er muß
etwas tun, um den Flüchtlingsstrom einzudämmen - vielleicht
eine Mauer. Und wir werden nichts dagegen tun können.
Ich kann die Allianz zusammenhalten, um West-Berlin
zu verteidigen. Aber ich kann nicht Ost-Berlin offenhalten."
(Geschichte der BRD, Hrsg. Bracher, Eschenburg u.a.,
Band 3, S. 144).
Will
uns Christian Worch weis machen, die Entscheidung
über die Auslösung des 3. Weltkrieges bzw. seine Verhinderung
habe in den Händen von Ulbricht gelegen?
Der
Mauerbau war wohl das schonendste Mittel zur zeitweiligen
Konsolidierung der Machtverhältnisse in Mitteldeutschland.
1961 war das SED-Regime ebenso wie 1953 von der Sowjetunion
abhängig. Es ist abwegig anzunehmen, daß der Entschluß
zum Bau der Mauer in Ost-Berlin und nicht in Moskau
gefaßt wurde.
Welches
Spiel treibt Christian Worch mit uns, wenn er - die
Mauertoten mißbrauchend - Haß schürt und diesen gegen
die Teile unseres Volkes richtet, die in der PDS organisiert
sind oder sich an dieser Partei ausrichten?
Merkt
er nicht, daß der Betroffenheitswahn, mit dem unser
Volk seit einem halben Jahrhundert mißhandelt wird,
jetzt auf die Spitze getrieben werden soll, indem
die PDS genötigt wird, sich für den Mauerbau und dessen
Folgen zu "entschuldigen"?
Mir
scheint's, Christian Worch gehört zu denjenigen Zeitgenossen,
die meinen, die Weltgeschichte sei ein "Deckchensticken"
(Mao TseTung) und alles sei hübsch mit der "moralischen
Elle" zu messen: Jeder "Demokrat" sein eigenes Weltgericht,
vor dem sich die historischen Personen zu verantworten
haben! Er weiß nichts davon, daß diese primitive Sichtweise
das Zentrum der Politikunfähigkeit der "Massen" ist
(in dieser Hinsicht krame ich dieses schlimme Wort
wieder einmal hervor, weil es hier am Platze ist).
Politikfähigkeit
für den Befreiungskampf beginnt mit der Einsicht,
daß
Ø
die Politik als Geschichte im Werden nicht das Reich
der Moral ist;
Ø
die moralische Betrachtung der Politik die Knebelung
des Denkens bewirkt und Unfreiheit auch im Äußeren
herbeiführt (ich dachte, die hinlänglich bekannte
Kritik am Pfaffenregiment hätte hier Klarheit geschaffen);
Ø
die moralische Integrität des Politikers darin besteht,
dem Gemeinwohl treu zu dienen;
Ø
Treue gegenüber dem eigenen Volke heißt, alles zu
tun, was zu seiner Erhaltung notwendig ist, ohne Rücksicht
auf das eigene Schicksal und ohne Rücksicht darauf,
ob es allen Einzelnen zum persönlichen Vorteil gereicht.
Warum
steht das Geschichtsbild von Christian Worch auf dem
Kopf?
Er
will Rache nehmen. Rache an denen, die er für die
Mauer und die Todesschüsse an der Mauer verantwortlich
macht. Überhaupt habe ich den Eindruck, daß nicht
wenige im sogenannten nationalen Lager sich für ihre
Ohnmachtsgefühle mit Rachephantasien entschädigen.
Es
ist ganz gleichgültig, wie das Racheverhältnis konstruiert
ist. Nur irgendein Ziel muß dem Rachegefühl gegeben
werden. Für die "Linken" taugt ein Gedankengebilde,
das sich als "faschistische Gefahr" aufbauen läßt.
Für viele "Rechte" ist dagegen immer noch der "Bolschewismus"
mit seinen Ablegern das Lieblingsfeindbild ("Ob Ost,
ob West - nieder mit der Roten Pest!").
Das
ist ein Ausdruck von Schwäche und Denkfaulheit.
Man
muß wissen, daß Rache der Einstieg in eine unendliche
Folge von Gewalttaten bedeutet, die ein Volk verschlingen
können: Die Braunen töten die Roten; die Roten töten
die Braunen - dann töten die Roten die Braunen, weil
Braune Rote getötet haben, und Braune töten Rote,
weil Rote Braune getötet haben usw. usf. in alle Ewigkeit.
Eine Befreiung des Deutschen Volkes wird daraus nicht.
Und
welche Überheblichkeit spricht aus den Rachephantasien!
Diese sind das exakte Maß für fehlende Größe.
Kennen
die Deutschen nicht mehr das Märchen vom "tapferen
Schneiderlein", das aus sicherem Versteck zwei unter
einem Baum schlummernde Riesen mit Kieseln bewarf,
so daß jeder von beiden dachte, der andere habe ihn
geneckt, worüber sie in Streit gerieten und sich wechselseitig
erschlugen?
Wir
Deutsche sind in der Lage dieser erbärmlich dummen
Riesen. Es scheint, als würden wir uns demnächst gegenseitig
umbringen. Wer hätte dabei wohl den Vorteil?
Worch
konstruiert - um seine These plausibel erscheinen
zu lassen - , ein Wahngebilde: Die PDS soll mit der
SED - als der für den Mauerbau vermeintlich Hauptverantwortlichen
- identisch sein. Dabei versteift er sich auf eine
formaljuristische Argumentation (die als solche ja
unbestritten richtig ist). Er fragt nicht nach dem
Wesen der SED und nicht danach, was sich in dem juristischen
Kokon inzwischen Neues entwickelt hat.
Die
SED war ihrem Wesen nach die Organisation der Hilfswilligen
der sowjetischen Besatzungsmacht. Sie war nach dem
Prinzip des "demokratischen Zentralismus" aufgebaut,
d.h. die Willensbildung erfolgte von oben nach unten.
Nur das Politibüro des Zentralkomitees konnte/durfte
den Entscheidungsraum, den die Besatzungsmacht ließ,
gestalten. Die Mitgliedschaft war "Transmissionsriemen"
für die dort gefaßten Beschlüsse. Unter den Parteimitgliedern
waren hunderttausende gutgläubige "Kommunisten", der
Rest - es mögen mehr als eine Million gewesen sein
- waren gutwillige Opportunisten. Will Worch die alle
umbringen? Für was sollen die büßen? Warum sollen
wir sie verachten?
Das
SED-Regime und die sowjetische Besatzungsherrschaft
in der DDR waren zwar unterschieden aber nicht voneinander
zu trennen. Sie waren Eins und dasselbe. Jetzt, da
die sowjetische Besatzungsherrschaft nicht mehr ist,
ist auch die SED nicht mehr - jedenfalls nicht mehr
das, was sie von ihrer Entstehung an war. Denn sie
war nur die Hiwi-Organisation, weil die Besatzungsgewalt
da war und ihrer bedurfte. Nachdem diese weggebrochen
ist, kann die SED nicht mehr sein, was sie einmal
war. Also ist sie - da sie ja zweifellos existiert
- etwas Anderes geworden. Der Namenswechsel hat somit
seine innere Berechtigung.
In
der PDS sind mehrheitlich Menschen versammelt, die
- wie wir - eine Antwort auf die "soziale Frage" suchen
und in diesem Zusammenhang den Liberalkapitalismus
als den Hauptfeind erkennen. Viele einfache Mitglieder
der PDS wollen - wie wir - , daß Deutschland das Land
der Deutschen bleibt. Das macht sie doppelt interessant
für uns.
Daß
sie sich mit einem juristischen Trick für ihre politische
Arbeit das Millionenvermögen der SED wenigstens teilweise
angeeignet und dadurch die Gelder dem politischen
Gegner vorenthalten haben, spricht für ihre Klugheit.
Ist
sich Worch wirklich nicht bewußt, daß er das jüdische
Kollektivschulddenken übernommen hat, unter dem unser
Volk leidet? Sieht er nicht, daß er Keile treibt,
wo Einigkeit im Willen zu einer Frage unseres Überlebens
geworden ist? Es ist doch ziemlich gleichgültig, welche
weltanschaulichen Vorstellungen den Willen zur Selbstbefreiung
begleiten. Entscheidend ist der Zuzug, den das Deutsche
Volk aus dieser Richtung erwarten kann.
Und
was will Worch damit erreichen, daß er mich wegen
meiner im Deutschen Kolleg dargestellten Position
im "rechten Lager" nun zur Unperson erklärt? Abgesehen
davon, daß er sich damit selbst als Feind der Freiheit
des Denkens entlarvt, scheint er nicht kapiert zu
haben, daß Deutschland nicht die Sache der "Rechten",
auch nicht die Sache der "Linken", sondern die Sache
der Deutschen ist, die es noch sein wollen. Ich gehöre
zu den letzteren. Und ich denke nicht daran, mein
Denken irgendeiner Lagerdisziplin - und schon gar
nicht der in beiden Lagern paradierenden Dummheit
- zu unterwerfen.
Kleinmachnow
am 19. Juni 2001
Horst
Mahler
Zu
Geschichtsbildern
(hiesigen und malerischen, pardon: mahlerschen)
Die
Ausführungen des Herrn Mahler werden dadurch, daß
sie länger werden, noch lange nicht richtiger.
Er
"stellt sich vor", daß die UdSSR 1953 auf das SED-Regime
Zwang ausgeübt habe, die UdSSR um russische Panzer
und Soldaten zur Niederschlagung des Volksaufstandes
vom 17. Juni zu bitten. Vielleicht auch "stellt er
sich vor", daß nach dem Scheitern des Aufstandes die
UdSSR das SED-Regime gezwungen hat, Überlebende zum
Tode zu verurteilen oder langjährig einzukerkern.
Eine
"Vorstellung" ist jedoch keine Grundlage für einen
Freispruch (zugunsten der SED/PDS); das sollte der
Jurist Mahler eigentlich ganz genau wissen. Gleichfalls
nichts als "Vorstellungen" liefert Herr Mahler uns
zum Mauerbau. Dabei dramatisch verquickt mit der Horrorvorstellung
vom damals möglichen Ausbruch des III. Weltkrieges.
Ein III. Weltkrieg ist nicht ausgebrochen, weil er
in einen non-konventionellen Krieg hätte ausarten
müssen, atomar-biologisch-chemisch-radioaktiv, und
weil alle Beteiligten sich auch ohne moderne Computersimulationen
ausrechnen konnten, daß er zur nicht nur wechselseitigen
Vernichtung der Machtblöcke, sondern wahrscheinlich
der kompletten Spezies geführt hätte. Auch hier sind
"Vorstellungen" keine Grundlage für einen Freispruch
(zugunsten der SED/PDS).
Wahnhaft
ist auch die Vorstellung der durch Machtverlust stattgefundene
Wandel der SED/PDS sei ein eigentlicher innerer Wandel.
Die PDS betreibt noch immer dogmatische Politik von
stalinistischem Zuschnitt, wo sie sich beispielsweise
gegen Kräfte des nationalen Widerstandes stellt, wo
sie Verbote von Demonstrationen, Meinungsäußerungen,
Organisatonen oder Parteien fordert. Es entschuldigt
die PDS nicht, daß sie damit auf einer Linie mit den
anderen auf Bundesebene im Parlament vertretenen Parteien
liegt. Denn hätte die PDS sich mental vom SED-Regime
getrennt, hätte sie sich auch innerlich vom "Staats-Antifaschismus
der DDR", der sowohl funktional als auch nominal ein
extremerer war als der der BRD, verabschiedet. Da,
wo sie nicht Kreide fressen mußte, sehen wir das -
wenngleich dankenswerterweise nicht mit staatlicher
Macht ausgestattete - Gesicht der alten Partei noch
durchschimmern.
Nichts
anderes als "Vorstellungen" bietet Herr Mahler uns
schließlich für meine Motive.
Nur
bin ich gegenüber Herrn Mahler in der privilegierten
Situation, meine Motive zu kennen. Und ich bin durch
ununterbrochene Zugehörigkeit zum nationalen Widerstand
nicht als Wanderer zwischen politischen Welten in
der gleichfalls privilegierten Situation, meine Motive
nicht dem Proselyten (Neubekehrten, "Überläufer")
Mahler gegenüber rechtfertigen oder auch nur darlegen
zu müssen. Mahler irrt in einer Weise, die nur Dummheit
oder Böswilligkeit als Erklärung zuläßt. (Meine Gegenerklärung
scheint ihn getroffen zu haben... Jetzt hofft er wohl,
mich mit seinen haltlosen Unterstellungen treffen
zu können. Wo sind denn eigentlich die Rachephantasien?)
- Was berechtigt Herrn Mahler mir zu unterstellen,
und sei es auch nur in Form einer rhetorischen Frage,
ob ich etwa eine Million vormalige SED-Mitglieder
umbringen wolle?! - "Umbringen" war eher der Stil
der RAF, wenn auch in weit geringerer Zahl als eine
Million. (Der RAF hat Horst Mahler zugehört, nicht
ich.)
Es
wäre zweifellos kurzweilig, wahrscheinlich sogar nützlich,
über die Motive des Herrn Mahler zu spekulieren. Ob
man das schöne Märchen von dem tapferen Schneiderlein
und den beiden Riesen nicht auch mit Herrn Mahler
in der Rolle des Schneiderleins und verschiedenen
Kräften des nationalen Lagers in der Rolle der von
ihm zu wechselseitigem Schlagabtausch provozierten
Riesen verstehen könnte. Allerdings möchte ich mich
nicht dazu hergeben. Entgegen Herrn Mahlers Vermutung
bin ich durchaus kein Feind der Freiheit des Denkens.
(Ebensowenig, wie ich ein Feind der Freiheit des Wortes
bin). Ich möchte anderen nicht die Freiheit nehmen,
selbst über die Motive des Herrn Mahler nachzudenken,
zu ihren eigenen Schlüssen zu kommen, statt in der
hohepriesterlichen Art des "Deutschen Kollegs" (Endlösung,
endgültige Beantwortung der Mauerbaufrage) die Antwort
vorzugeben. Sicherlich gibt es im auch nationalen
Lager (für mich nicht "rechtes Lager") hinreichend
viel Dummheit. Daß sie so sehr paradiert, wie der
politische Weltenwanderer Mahler es zu sehen meint,
fürchte ich indes nicht. Ich vertraue auf szenische
Prozesse, nicht auf die "Deklaration ex kathedra",
die vom "Deutschen Kolleg" und namentlich Herrn Mahler
wohl gewünschte politische Variante des päpstlichen
Unfehlbarkeitsdogmas.
Es
darf also gern über die mahlerschen Motive nachgedacht
werden.
Nicht
vorenthalten möchte in dem Publikum die - allerdings
eher scherzhafte - Überlegung eines jungen Kameraden.
Der fabulierte durchaus geistreich auf der Rückfahrt
von der Göttingen-Demonstration: "Vielleicht hat der
Mahler vor ein paar Jahren mit eingen Alt-68-ern bei
einem Gläschen Wein zusammengesessen und ein Wette
darauf abgeschlossen, daß es ihm in einigen Jahren
gelingen werden, die Führung der NPD zu übernehmen."
Diese
Vorstellung ist eigentlich zu schön, um wahr zu sein,
wäre sie wahr, wäre das wenigstens ein Motiv, vor
dem ich spöttischen Respekt haben könnte. - Daß ich
vor irgendeinem anderen Motiv Horst Mahlers allzuviel
Respekt haben kann, sehe ich nicht.
Hamburg,
den 20. Juni 2001
Christian
Worch