Netzsplitter

Quelle: Anzeige im „Tagesspiegel“ vom 23. Juni 2002, Seite fünf.

„Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben“

sangen die Berliner zur Melodie des berühmten „Fehrbelliner Reitermarschs“, sie drückten damit ihre Zuneigung zum ersten Deutschen Kaiser (1871-1888) aus.

Gibt es heute ebenfalls Gründe für Sehnsüchte nach alten Zeiten? Vielleicht die Sehnsucht nach dem hohen Bildungs- und Wissenschaftstand Deutschlands von 1870 bis 1935? Weltweit war Deutschland das führende Land von Bildung und Wissenschaft, wie es Professor Dr. David Nachmansohn aus New York ausdrückte. Die Reichskanzler brauchten auf der internationalen Bühne keinen Dolmetscher, sie sprachen fließend Französisch und Englisch.

Nach Christian Thomasius (1655-1728) kann man ohne Geschichtskenntnisse die Gegenwart nicht beurteilen. Der berühmteste Bildungspolitiker Deutschlands war Ministerialdirektor Prof. Dr. Friedrich Althoff (1839-1908), er beherrschte 25 Jahre lang das deutsche Bildungswesen. Bildungsfragen wurden in Preußen nicht in Parlamenten oder Ausschüssen zerredet, auch nicht nach ideologischen Zielen ausgerichtet, sondern in kleinen Fachgremien der Unterrichtsverwaltung entschieden. So bewährte sich auch auf diesem Gebiet Sachlichkeit und Effektivität preußischer Verwaltung.

– 40 Prozent der Nobelpreise in Naturwissenschaft und Medizin wurden deutschen Wissenschaftlern verliehen.

– 80 Prozent der naturwissenschaftlichen Literatur in der Welt erschien bis etwa 1935 nicht in englischer, sondern in deutscher Sprache.

– Deutschland kannte im Gegensatz zu anderen Ländern so gut wie keine Analphabeten mehr.

– Deutsche Universitäten wurden zum begehrten Ziel ausländischer Studenten.

– Die deutsche medizinische Wissenschaft stand an der Weltspitze. Daher wurde die Reichshauptstadt Berlin (1905) zum Sitz der Internationalen Hygienegesellschaft gewählt.

Die von Althoff geleitete Schulkonferenz des Jahres 1900 brachte schon nach drei Konferenztagen eine kurze und klare Entscheidung. Das Ergebnis dieser Schulkonferenz überdauerte das Kaiserreich, die Weimaerer Zeit, die NS-Zeit und die Nachkriegszeit bis in die 60er Jahre. Bis zu diesem Zeitpunkt stand das Leistungsniveau deutscher Schulen über dem Weltdurchschnitt. Dann wurden nicht nur die Universitäten, sondern auch die Schulen Opfer des neomarxistischen Dilettantismus der 68er Revolte, Opfer von Phrasen und ideologischer Gaukelei.

Viele Handwerksmeister bemängelten die Rechenkenntnisse ihrer Lehrlinge, die Universitäten beklagten die unbefriedigenden Fähigkeiten der Studienanfänger. Auch ohne Pisa-Studie war das Absinken der Schulleistungen bekannt. Trotzdem passierte nichts: Die Kultusministerkonferenz, jahrelang von den sozialistisch regierten Ländern dominiert, schwatzte und redete, schwatzte und redete... „und wenn sie nicht gestorben sind, schwatzen und reden sie noch immer“.

Ehrhardt Bödecker
Brandenburg-Preußen Museum
Wustrau in Brandenburg

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