|
|
|||
|
|
Eine Seite zurückgehen |
Dr. Reinhold Oberlercher Cora Stephan hat ein kluges und einfühlsames Buch über den Krieg geschrieben, das den etwas irreführenden Titel Das Handwerk des Krieges (Rowohlt, Berlin 1998) trägt. Sie stellt ihr Werk nicht in die Tradition der Militärforschung, sondern der Mentalitätsgeschichte und folgt in fünf Kapiteln den literarischen Spuren, die der Krieg hinterlassen hat: der Heilige Krieg, die Hoplitenschlacht, die Ritter und die Erscheinungen zwischen Dreißigjährigem Krieg und Erstem Weltkrieg. "Krieg appelliert", schreibt Frau Stephan, "an mächtige, tief-sitzende, archetypische Gefühlswelten. Das macht ihn schier unwiderstehlich." (13) Es ist ein schönes und belehrendes Buch über die Gefühle im Kriege, die zwischen Entfesselung und Mäßigung der Kampfesleidenschaft schwanken, aber kein Buch des Kriegshandwerkes. Cora Stephan neigt der Meinung zu, welche Krieg in der menschlichen Natur verankert und weniger in bestimmten Kulturen: "Krieg gehört, wie die Religion, zu den Universalien, die alle Menschheitskulturen unabhängig voneinander entwickelt haben. Er ist in den meisten uns bekannten Kulturen auf den Männerbund beschränkt. Und er ist ein ritualisiertes Geschehen, das sakrale Züge hat, ja nachgerade als religiöser Akt zu verstehen ist." (18) Aus diesem Grunde sei der Krieg kein rationales Instrument, sondern janusköpfig. In der Stammesgeschichte sei der Mensch, bevor er zum gefährlichsten Raubtier wurde, das wehrlose Beutetier gewesen, dessen Horden auf der Flucht vor Säbelzahntigern und ähnlichen Ungeheuern sich nur durch ein Menschenopfer retten konnten, denn Menschenfleisch besänftigte den Zorn des göttlichen Raubtieres. Als dann die Männchen der Horde zum blutigen Kampf gegen das Raubtier sich gewendet und den Tiergott getötet hätten, sei der Anfang des Männerbundes und seiner Bewegungsform, des Krieges, gemacht und das Weibchen als Weib, als Grund und Ziel des Krieges, bestimmt worden. Der Krieg sei der Aufstand der Gemeinschaft gegen das Raubtier, und das Raubtier ist bald auch die fremde Horde, die schon gelernt hat, selber menschenjagendes Raubtier zu sein. Der Krieg entsteht dieser Auffassung zufolge aus der "Wiederaufführung des uralten Dramas, wonach es die Horde schützt, wenn sich einer, stellvertretend für die anderen, opfert, dem Raubtier zum Fraß vorwirft. Krieg wäre dann nichts anderes als die Re-Inszenierung einer doppelten Erfahrung – des Blutopfers und des Siegs über die Bestie. Im Krieg geht es um Urangst – und um ihre Überwindung. Im Krieg wird den Göttern geopfert – und zugleich der Sieg über sie gefeiert" (47). Opfersinn und Heldensinn, Altruismus und Aggression sind im Krieg immer vermischt, deshalb ist er der Vater aller eigentlich menschlichen Dinge, die Quelle der Dialektik. Krieg ist der Kampf zwischen Jägern und Gejagten, bei dem der Gejagte Jäger und der Jäger Gejagter werden kann, und wer am Ende als das Raubtier sich erweist, ist der Sieger, wer als das Opfertier, ist der Besiegte. Der Krieg schafft die Gemeinschaft, die das Blutopfer sich nur im Kampf abtrotzen läßt und trotzdem noch Sieger bleiben kann. Versucht eine Siegergemeinschaft von der Gemeinschaft der Besiegten ein Daueropfer zu erlangen, regredieren die Sieger wieder zum göttlichen Raubtier, das durch Blut- oder Geld-Opfer regelmäßig besänftigt werden muß: Der Krieg ist durch seine Absolutheit, mittels einer absoluten Niederlage, wieder zur Tierreligion abgesunken, der Sieger ist zur absoluten Bestie geworden, die das Fleisch der Lebendigen frißt. Deutschlands Niederlage im Zweiten Weltkrieg war solch eine absolute, die Kriegsfähigkeit und somit die Menschwerdung selber zerstörende Niederlage, die zur Religion des Ganzbrandopfers (Holocaust) geführt hat. Der Krieg hat also eine religiöse Grundlage, ist aber selber die Überwindung der Tierreligion von Fressen und Gefressenwerden und des Fleischopfers, das die Gesamtvertilgung verhindern soll. Cora Stephan besichtigt den Krieg wie eine Dame das Ritterturnier. Entfesselung und Mäßigung der Gewalt ist ihr Leitgegensatz und der positive Akzent liegt eindeutig auf der Mäßigung. Dadurch unterscheidet sie sich sehr von Clausewitz, der den ermäßigenden Motiven im Kriege keine höhere Würde zuschreibt als den entfesselnden. Überhaupt zeigt Frau Stephan für der Welt größten Kriegstheoretiker ein auffallendes Unverständnis. Eine Kriegstheorie, meint sie, könne Clausewitzens Hauptwerk "Vom Kriege" wohl kaum genannt werden und dekretiert kühl: "Carl von Clausewitz‘ Einsichten haben keine überhistorische Geltung." (182) Für seine ordnungsgemäße Quittierung des preußischen Dienstes 1812 und den Übertritt in russische Dienste (an der Seite des Freiherrn vom Stein) zeiht sie den armen Clausewitz, der das Zustandekommen der Konvention von Tauroggen wesentlich befördert hat, gar der "Fahnenflucht" (183). Daß jeder deutsche Befreiungskrieg gegen die westliche Usurpation, damals wie heute, über russische Dienste und ein russisch-deutsches Bündnis führt, kommt ihr entweder garnicht oder vielleicht auch nur zu gut in den Sinn. Der Krieg als Handwerk hat Elemente und Handlungen. Das Handwerk überhaupt besteht aus seinen besonderen Handlungen, dem Werken, aus Werkstücken und Werkzeugen und endet im Werk. Da das Werk im Kriegshandwerk eine Zerstörung, und zwar der Streitkraft des Gegners, so ist letztere auch das Werkstück. Stärke und Lage der gegnerischen Streitkraft ist also die kriegerische Werkstückkunde, der Rest aber die Werkzeugkunde des Waffenhandwerkes. Die Elemente des Kriegshandwerkes sind der Raum, die Zeit, die Kräfte und die Friktion. Die Kriegselemente haben sämtlich Werkzeugcharakter und sind somit Waffen. Der Raum ist die komplexe Größe aus Ausdehnung, Bodenform, Bodenbe- deckung, Klima und Infrastruktur, der für den Verteidiger vorteilhaft ist, wenn der Angreifer seine Kräfte überdehnen muß, was besonders stark im Rußlandfeldzug (1941 ff.) sich zeigte. Im Vietnamkrieg erwies sich die raumdeckende Verteidigung des Vietcong dem raumgreifenden Angriff der USA besonders dank der Art der Bodenbedeckung überlegen. Neben dem Raum ist die Zeit ein entscheidender Faktor im Kriegshand- werk, denn ohne Pünktlichkeit geht die Schlagkraft jeder Armee gegen Null. Die Kräfte schließlich unterliegen einer viel größeren Entwicklung als Raum und Zeit, weil die Kampfkraft der Streitkräfte sehr stark vom technischen Stand, also der Destruktivkraft des Waffengebrauchs oder Kampfwirkung, aber auch vom moralisch-geistigen Antrieb der Kämpfer und damit ihres Kampfeifers bestimmt sind. Im vierten Element des Kriegshandwerkes, in den Friktionen, findet sich alles, was den Kriegsverlauf vom Kriegsplan unterscheidet, und in der Überwindung der Friktion offenbart sich sowohl die Kriegsgewohnheit des Heeres als auch die Genialität des Feldherrn.Einfach, ewig und wahr ist hingegen die philosophische Betrachtung des Krieges nach Clausewitz, bei dem das kriegerische Geschehen nicht nach handwerklichen Gewohnheiten und auch nicht nach den Bewegungen der Gefühle schubladisiert wird, sondern entlang der erkenntnistheoretischen Begriffe Mittel, Ziel und Zweck sich selbst ordnet. Danach ist die Taktik die Verwendung der Mittel im Gefecht, die Strategie die Anordnung der Gefechte zum Ziel des Feldzuges, dem Sieg, und der Kriegsplan die Nutzung der Siege zum Zweck des Krieges, der Erzwingung des Rechts, gegebenenfalls auch des bloßen Besitzes oder Willens. Die unendliche Vielfalt der operativen Kriegsführung löst Clauswitz in die Kategorien Quartier, Marsch (Bewegung) und Lager auf. Diese Begriffe sind überhistorisch, weil philosophisch, aber freilich noch nicht geschichtsphilosophisch. * * * Februar 1999
|
|
|
|
Zum Anfang der Seite |
||
|
|
|||