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Juli/August 1993 (Staatsbriefe) Eine kleine Lanze für Jürgen Habermas In der Frankfurter Rundschau vom 12. Juni 1993 erschien eine ganzseitige Befragung des SPD-Philosophen Jürgen Habermas. Er äußert sich darin über Rechtsphilosophie, politische Öffentlichkeit und das "Neue Deutschland" seit '89. Das ist ihm kein gutes Deutschland, denn, so stellt er entsetzt fest: "Das deutsche Sonderbewußtsein regeneriert sich von Stunde zu Stunde." Was ist rechts? wird der Meister gefragt, und er sieht seinen Feind wie folgt: "Heute teilt sich das neokonservative Lager in Liberale und in Preußisch-Deutsch-Nationale. Die neokonservativen Liberalen nimmt er nicht weiter ernst, nur die intellektuelle Szene und den wachsenden Einfluß "rechtsradikaler" Denkzirkel, die schon immer das "Erbe eines Schmitt, Jünger, Heidegger, Freycr, Gehlen usw. feinsinnig gepflegt" und seit '89 alle Zurückhaltung bci der Verabschiedung der alten BRD aufgegebcn hätten. Der Erfolg dieser Denkbemühungen muß so durchschlagend sein, daß Habermas von Stunde zu Stunde das Erstarken eines seinem Denken feindlichen deutschen Sonderbewußtseins fühlt. ,,Der ganze intellektuelle Müll, den wir uns vom Halse geschafft hattcn, wird wiederaufbereitet, und das mit dem avantgardistischen Gestus, für das Neue Deutschland die neuen Antworten parat zu haben." Es ist bitter für Habermas, der selber keine Antworten hat, mitansehen zu müssen, wie ihm die Kameraden von der anderen Feldpostnummer den schönen Gestus der Avantgarde stehlen und sich dann auch noch ganz zeitgemäß als Müllwerker und Wiederaufbereiter aufführen. Die Müllverwertung ist ja eine Tätigkeit, deren Ansehen notgedrungen zunimmt: in allen Gewerbezweigen, nicht nur bei den Theorie-Produzenten. Und jene, die den Müll verursacht haben, weil sie ihn sich so leichtfertig vom Halse schafften, werden zunehmend mit den Folgekosten belästigt. Habermas hält den Siegeszug der preußisch-deutsch-nationalen Denkzirkel für nicht mehr aufhaltbar. Zwar glaubt er, daß beim Aufbau einer intellektuellen BRD-Position heute noch die Status-quo-Anhänger eine Mehrheit fänden, "daß eine Polarisierung anhand klar definierter und gut begründeter Alternativen heute noch eine deutliche Unterstützung für die Fortsetzung der besseren Traditionen der alten Bundesrepublik ergeben würde". Aber er hält die intellektuelle wie die parteipolitische Linke dazu nicht für fähig. Habermas wünscht sich den "Zugwind einer scharfen Debatte" zum "politischen Ort des 80-Millionen-Volkes". Er sucht den Tod in der Schlacht. Aber er ist kein Piccolomini, er wird ihn nicht finden; er wird desertieren. Gegen die völlig verständnislose Attacke "Nachholender Diskurs", die in der FAZ vom 15.6.93 ein gs. gegen das FR-Befrag ritt, muß man Habermas aber in Schutz nehmen. Der hatte wenigstens noch einen kühnen Blick auf den heranrückenden Feind geworfen, bevor er sich resigniert abwandte. Der FAZ-gs. - es ist natürlich Gustav Seibt - dagegen ist nur beleidigt, daß Habermas seine alten Feinde aus dem Historikerstreit, Ernst Nolte, Klaus Hildebrand und Michael Stürmer, anscheincnd nicht mehr für voll nimmt und ausgerechtet Dcnkzirkel fürchtet, die ein Weltblatt ignoriert. Habermas ängstige sich wohl vor Gespenstern: "Es muß ein seltsam Ding sein, das deutsche Sonderbewußtsein, das sich ohne Fürsprecher, ohne Programm, ohne Ort, ohne Diskurs 'regeneriert'." Ein Nato-Philosoph sei Habermas geworden, höhnt gs., und zu diskutieren gäbe es nichts, und schon gar nicht die preußisch-deutsch-nationale Option! Aber vielleicht hat selbst Seibt recht und es gibt wirklich nichts zu diskutieren! Nur noch zu handeln. |
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